Low-Code-Entwicklung: Lösen Citizen Developer die “echten” Programmierer ab?

Citizen Developer, der am Programmieren ist

Es klingt wie eine Revolution: Mitarbeiter ohne Programmierkenntnisse können mit überschaubarem Aufwand eigene Online-Anwendungen und Apps umsetzen. Geht das wirklich? Wie?

Softwareentwicklung mit Laien: Geht das?

“Jetzt kommt das Programmieren für Dummies” - so lautete im Februar 2021 eine Überschrift beim Handelsblatt. Mit der etwas provokanten Headline griff das Wirtschaftsmagazin ein IT-Thema auf, das immer wichtiger wird. Besser gesagt: Es ist ein ganzer Themenkomplex, der aus mehreren Fachbegriffen besteht.

Wir erklären Ihnen, was es mit dem Low-Code-, No-Code- und Citizen-Development auf sich hat.
 

Was bedeutet Low Code?

Als Low-Code-Development bezeichnet man die Entwicklung von Web-Anwendungen, Software-Lösungen oder Apps, für die sehr wenige Programmierkenntnisse erforderlich sind. Das gelingt über sogenannte Low-Code-Entwicklungsumgebungen. Das sind Tools, bei denen die grafische Benutzeroberfläche im Fokus steht.

Über einen Editor klicken Sie sich Ihre Anwendung hauptsächlich zusammen. Das erinnert an ein dänisches Spielzeug, weswegen Low-Code-Development gerne als Lego-Prinzip beschrieben wird. Zusätzlich haben Sie die Möglichkeit, Programmcodes einzutippen.
 

Programmier-Evolution: Vom Low Code zum No Code

Bei der Low-Code-Entwicklung bleibt der Anteil an Code “low”, also gering. Sie benötigen nur rudimentäre Programmierfähigkeiten. Diese können Sie in der Regel recht schnell und einfach erlernen.

Noch einfacher geht es mit No-Code-Tools. Wie es der Name besagt, kommt dabei “no code”, also keine Zeile Programmcode, zum Einsatz - zumindest für Sie als No-Code-Developer. Stattdessen nutzen Sie ausschließlich den “Baukasten”, mit dem Sie per Mausklick Ihr gewünschtes Ergebnis erstellen.

Theoretisch gibt es eine klare Trennlinie zwischen No-Code- und Low-Code-Entwicklung, doch im alltäglichen IT Sprachgebrauch werden die beiden Begriffe oft synonym verwendet. Dadurch verschwindet die Trennschärfe.

Klar dagegen ist die Unterscheidung zum Pro Code, was die Kurzform für Professional Code darstellt. Darunter versteht man die altbekannte Art der Software-Entwicklung: Ein Programmierer tippt hier Zeile für Zeile Code in seinen Editor. Das Zusammenklicken von Anwendungen gibt es beim Pro Code nicht.
 

Beispiele: Namhafte No-Code- und Low-Code-Software

Wahrscheinlich haben Sie schon mit einem Low-Code-Tool gearbeitet, ohne es zu wissen: Die meisten Homepage-Baukästen und Content-Management-Systeme (beispielsweise Wordpress) fallen in diese Kategorie. Mit diesen kreieren Sie über einen Editor das Aussehen Ihrer Website, ohne eine Zeile Programmcode tippen zu müssen. Stattdessen wählen Sie per Mausklick ein passendes Design aus und installieren Plugins für zusätzliche Funktionen.

Auch für die Entwicklung von Smartphone-Apps gibt es mittlerweile eine breite Palette an Low-Code-Lösungen - die sogenannten App-Baukästen. Dazu gehören unter anderem GoodBarber und der Appy Pie AppMaker.

Das Do-it-yourself-Prinzip findet auch im Business-Umfeld großen Anklang. Deswegen pushen Big Player wie SAP, Salesforce, Microsoft und Mendix (gehört zu Siemens) ihre eigenen Low-Code- und No-Code-Plattformen. Mit diesen können - so die Anbieter - selbst Fabrikarbeiter zum Software-Entwickler werden.
 

Citizen Developer: Die programmierenden Nicht-Programmierer

Wenn Fabrikarbeiter, Vertriebler, Redakteure und andere Nicht-Informatiker mit Low- und No-Code-Systemen eigene Anwendungen erstellen, bezeichnet man sie als Citizen Developer. Diese Laien haben wenig bis keine Vorkenntnisse in Sachen Programmierung.

Für die Benutzung der Baukästen erhalten sie in der Regel eine Schulung zur Benutzung. Oder sie eignen sich über Online-Seminare und Videokurse das benötigte Wissen selbst an. So werden sie - salopp gesagt - zu programmierenden Nicht-Programmierern.
 

Low / No Code: Das sind die Vor- und Nachteile

Zu den Pluspunkten gehören:

  • Laien können selbst Anwendungen erstellen.

  • Geringe bis gar keine Programmierkenntnisse erforderlich.

  • Die Umsetzung erfolgt häufig pragmatisch und weniger “verkopft”.

  • Es lassen sich schnell Ergebnisse realisieren, zum Beispiel Prototypen.

  • Die Citizen Developer agieren oft unabhängig von der IT Abteilung.

  • Citizen Developer sind günstiger als professionelle Entwickler.

Auf der Negativseite stehen:

  • Die Citizen Developer benötigen eine gewisse Einarbeitungszeit.

  • Ungeübte Entwickler gehen Projekte umständlich oder falsch an.

  • Durch die Unabhängigkeit von der IT entsteht eine sogenannte Schatten IT. Diese verstößt eventuell gegen die Compliance-Vorgaben der Unternehmen.

  • Die Ergebnisse könnten unsicher sein (Stichwort: Datenschutz).

  • Bei Low- und No-Code-Plattformen sind Individualisierungen und spezielle Anpassungen oft schwer oder gar nicht möglich.
     

Digitalisierung: Sind Citizen Developer eine Maßnahme gegen den Fachkräftemangel?

Die “Nicht-Programmierer” lösen zumindest vorübergehend ein großes Problem, das kleine wie auch große Unternehmen seit Jahren kennen. Die Rede ist vom Fachkräftemangel.

Alleine in Deutschland sind zehntausende IT Stellen unbesetzt, eine Besserung scheint nicht in Sicht. Der Grund: Unternehmen stellen sich mit Hochdruck dem Wandel der Digitalisierung. Da aber in den letzten Jahren zu wenig Informatiker und andere IT Experten ausgebildet wurden, ist der Markt leergefegt. Freie Developer finden heutzutage in der Regel schnell einen neuen Job.

Dazu kommt, dass die extrem hohe Nachfrage nach Programmierern die Preise nach oben treibt. Selbst Junior Developer erhalten fürstliche Gehälter und umfangreiche Leistungspakete obendrauf. Diese Situation erhöht den Druck auf die Unternehmen zusätzlich. Trotzdem müssen sie die Digitale Transformation lösen.

Das Outsourcing zu Nearshore- und Offshore-Anbietern funktioniert nur bis zu einem gewissen Grad. Auch die Preise für Entwickler aus dem Ausland steigen. Dazu gesellen sich hohe Aufwände für die Organisation der externen Unterstützer.

Was wäre eine gute Lösung für die angespannte Situation? Citizen Developer. Wenn geschulte Mitarbeiter selbst die Programme und Tools entwickeln, die sie für ihre digitale Arbeit benötigen, spart das Zeit und Kosten. Zumindest in der Theorie.
 

Herausforderungen: Was Sie beim Einsatz von Citizen Developer bedenken müssen

Ein Monteur, der Apps entwickelt. Oder ein Marketing-Experte, der sich eine Web-Anwendung zusammen klickt. Einfach so. Kurz zwischendurch. Das verspricht die Werbung der Anbieter von Low- und No-Code-Tools. Die Realität sieht aber gerne anders aus.

Zum einen ist nicht jeder Mitarbeiter zum Low- oder No-Code-User geeignet. Denn auch für die "digitalen Lego-Kästen" benötigt er ein grundlegendes IT Verständnis. Und die Bereitschaft, sich mit der einfachen Art der Programmierung beschäftigen zu wollen.

Zum anderen muss jedes Unternehmen, dass auf Software-Baukästen setzt, die Voraussetzungen dafür schaffen. Dazu gehört der Freiraum für die Einarbeitung und für Experimente. Darüber hinaus sind Weiterbildungen nötig, welche Zeit und Geld kosten.

Ein ebenso wichtiger Punkt ist die Abstimmung mit der IT Abteilung. Wenn die bereits genannte Schatten-IT entsteht, birgt das einige Risiken. Zum Beispiel könnten die schnell umgesetzten Software-Lösungen schwere Fehler und Lücken enthalten. Damit gefährden sie unter Umständen die Informationssicherheit und den Datenschutz.

Was auch noch beachtet werden sollte: Wie passen die Low-/No-Code-Ergebnisse in die bestehende IT Systemlandschaft? Wie lassen sie sich integrieren? Wer betreut die Wartung und Weiterentwicklung?
 

Ausblick: Was bringt die Zukunft?

Die Idee der schnellen, einfachen Entwicklung ist nicht neu. Früher nannte man derartige Modelle RAD (Rapid Application Development) oder MDSD (Model-Driven Software Development). 2014 machte Forrester Research den Begriff “Low Code” populär - seitdem blicken die Analysten auf die Weiterentwicklung.

In einer aktuellen Studie fand Forrester heraus, dass 2019 knapp ein Viertel der Entwickler in einem Unternehmen losgelöst von der IT Abteilung oder des CIO agieren. Der Anteil könnte laut den Analysten in den kommenden Jahren dank Low-Code-Tools stark ansteigen. Gartner sieht das ähnlich: Die Marktbeobachter glauben, dass es bis zum Jahr 2023 vier Mal mehr Citizen Developer als “echte” Programmierer geben wird.
 

Fazit: Lösen Citizen Developern die Pro-Coder ab?

Nein. Aufgrund der genannten Nachteile werden weiterhin professionelle - sprich: gelernte oder studierte - Vollzeit-Programmierer benötigt. Und das mehr denn je.

Jedoch können Low- und No-Code-Developer eine sehr gute Unterstützung sein. Sie realisieren beispielsweise MVPs und weniger aufwändige Software-Projekte.

Im Idealfall entsteht daraus ein mehrgliedriger Entwicklungsbereich, der nach Gartner so aussehen könnte:
 


Citizen Developer sind somit keine Bedrohung für Pro-Developer. Stattdessen stellen sie eine sinnvolle Unterstützung dar, damit Unternehmen die harten Zeiten der Digitalisierung und des Fachkräftemangels besser meistern können.

Bilder: Adobe Stock, Gartner