Stellenanzeigen richtig lesen und verstehen: Entschlüsseln Sie die versteckten Botschaften

Müssen Sie zu 100 Prozent die Anforderungen erfüllen, die in Stellenausschreibungen stehen? Oder reicht es aus, wenn Sie die Kriterien der Stellenanzeigen nur grob abdecken? Diesen Fragen gehen wir hier nach.

Lernen Sie, wie Sie die Texte der Stellenausschreibungen analysieren

Wenn Sie unsere IT Stellenbörse oder andere Stellenbörsen durchforsten, werden Sie an der einen oder anderen Stelle vielleicht ins Stocken geraten. Sie fragen sich dann beim Lesen vielleicht: „Ist diese Position wirklich für mich geeignet? Soll ich mich darauf bewerben oder eher nicht?“

Woher kommt diese Verunsicherung? Unternehmen reden bei Ihren Stellenausschreibungen nicht immer Klartext. Sie verwenden zum Beispiel verklausulierte Sätze, bei denen unklar sein kann, was gesucht wird. Oder die Personalverantwortlichen packen sehr viele (vermeintliche) Anforderungen hinein, die kaum ein Mensch so erfüllt. 

Das führt zu Unsicherheit bei Ihnen als Leser. Und Sie müssen darauf hin die Stellenanzeigen analysieren, um herauszufinden, ob die ausgeschriebenen Jobs wirklich zu Ihnen passen. In diesem Ratgeber erklären wir Ihnen, wie Sie es lernen, Stellenausschreibungen richtig zu lesen und zu verstehen.
 

Kurze Einführung: die 5W-Fragen der Stellenanzeigen

Wenn Recruiter neue Jobs ausschreiben und dafür passende Stellenanzeigen verfassen, halten sie sich bei der Struktur oft an die 5W-Fragen. Diese „W“ lauten:

➡ Wir sind: Damit stellt sich das Unternehmen den Interessenten vor

➡ Wir suchen: Kurze Beschreibung der Stelle, meist als Job-Titel

➡ Wir erwarten: Diese Hard Skills und Soft Skills wünscht sich die Firma

➡ Wir bieten: Gehalt, Zusatzleistungen und mehr - das erhalten Sie bei der Stelle

➡ Wir bitten um: Die Handlungsaufforderung, eine Bewerbung einsenden
 

Die meisten Fragen kommen Ihnen sicherlich beim Abschnitt „Wir erwarten“. Hier geht es um die Kompetenzen und Qualifikationen, die Sie erfüllen sollen, um zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden.
 

Warum werden in Stellenausschreibungen so viele Anforderungen gestellt?

Unternehmen möchten Ihre Positionen mit dem besten Mitarbeiter besetzen. Besonders im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie ist es teilweise extrem wichtig, gute bis sehr gute Fachkräfte zu haben. Denn die IT-Welt wird zunehmend komplizierter und komplexer. Tätigkeiten wie die des Data Scientists, des Penetration Testers oder des ABAP-Programmierers kann niemand ausführen, der sich nur ein bisschen mit der Materie auskennt.

Auch der Fachkräftemangel spielt eine Rolle: Da es zu wenig Spezialisten auf dem Markt gibt, möchten Unternehmen gerne „eierlegende Wollmilch-Säue“ einstellen. Sie fokussieren sich auf Allrounder, die sich dank ihres T-Shape-Profils mit verschiedenen Fachbereichen bestens auskennen. 

Dementsprechend kommt es häufig vor, dass Unternehmen bei Ihren IT-Stellenausschreibungen sehr viele und auch hochgesteckte Anforderungen unterbringen. Zum Beispiel werden „mindestens 5 Jahre Berufserfahrung“ oder „ein abgeschlossenes Studium im IT-Bereich“ angegeben.

Einerseits ist es wichtig, dass Sie derartige Schlüsselfaktoren erkennen und respektieren. Wenn Sie frisch von der Universität kommen, sind Sie höchstwahrscheinlich nicht für eine Senior-Position geeignet. Und als Linux Systemadministrator dürfte es schwer werden, den Beruf des Cobol-Programmierers auszuüben. Andererseits dürfen Sie manche Angaben nicht zu ernst nehmen - sie haben eher den Stellenwert „Nice-to-have“.
 

Stellenanzeigen auswerten: Achten Sie auf „Must-have“ und „Nice-to-have“

Viele, die einen Job suchen, machen den Fehler, dass sie nicht genau auf die Formulierungen in den Stellenausschreibungen achten. Denn meistens gibt es Muss- und Kann-Anforderungen.

Hier ein paar Beispiele für Muss-Anforderungen in Stellenanzeigen:

  • „Wir erwarten …“
  • „Sie haben …“
  • „Sie erfüllen …“
  • „Sie sollten …“
  • „Sie beherrschen …“
  • „Erforderlich sind …“
  • „Vorausgesetzt werden …“

Zu den Kann-Beschreibungen gehören unter anderem:

  • „Erwünscht sind …“
  • „Wünschenswert wäre …“
  • „Idealerweise …“
  • „Unter Umständen …“
  • „Sie kennen …“
  • „Es wäre von Vorteil …“

Lesen und analysieren Sie somit die Stellenanzeigen genau, um derartige „Must-haves“ und „Nice-to-haves“ herauszufinden.

Gut zu wissen: Früher waren Stellenanzeigen mitunter recht lang, da sie viel Text boten. Heutzutage gibt es einen Gegentrend. Das heißt, besonders online werden Stellenanzeigen zunehmend kurz und prägnant formuliert. Derart können Sie schneller verstehen, was wirklich gefordert wird und was nicht.

Weitere Punkte, die Sie aus den Stellenanzeigen herauslesen können

Die Kann- und Muss-Anforderungen des „Wir erwarten“-Abschnitts verschaffen Ihnen ein gutes Bild. Doch das ist nicht alles! Es kann durchaus vorkommen, dass auch im „Was wir bieten“-Teil ein paar versteckte Informationen enthalten sind. Hier ein paar Aussagen und was sie bedeuten könnten (aber nicht unbedingt müssen):

„Wir haben eine flache Hierarchie“

Die Organisationsstruktur fällt einfach aus, Sie müssen nicht lange Entscheidungswege gehen. Das ist einerseits gut. Andererseits kann eine flache Hierarchie bedeuten, dass man von Ihnen erwartet, dass Sie viele Entscheidungen selbst treffen oder sich an zeitfressenden Diskussionen beteiligen.

„Wir sind ein kleines Team“

Kleine Teams haben den Vorteil, dass sie schneller vorankommen. Dafür muss jedes Teammitglied mehr Aufgaben als in einem großen Team übernehmen und zugleich sich am Entscheidungsprozess beteiligen. Möchten und können Sie das?

„Wir entwickeln innovative Produkte“

Um Innovationen zu kreieren, braucht man neue Denkweisen und agile Entwicklungsmethoden. Dazu sollten Sie sich mit Kanban, Scrum, Jobs To Be Done, Design Thinking und dergleichen auskennen. Und Sie müssen damit umgehen können, dass Pläne nur von kurzer Dauer sind und das Vorgehen gerne im Zickzack angepasst wird.

„Wir sind ein traditionsreiches Unternehmen“

Diese Firma gibt es schon viele Jahrzehnte und hat bislang dem rauen Markt getrotzt. Das ist eine Interpretationsweise. Eine andere Lesart könnte sein: In diesem Unternehmen wird so gearbeitet, wie man es kennt. Veränderungen, Neuerungen oder gar Innovationen sind unerwünscht. Denken Sie gerne „out of the box“, haben Sie es in dieser Organisation schwer.

„Wir bieten Ihnen tolle Entwicklungsmöglichkeiten“

Wenn Sie ein strebsamer Mensch sind, der Karriere machen möchte, spricht Sie dieser Satz sicherlich an. Damit Sie sich entwickeln können, müssen Sie allerdings in der Regel viel Einsatz zeigen, indem Sie Überstunden leisten, sich ständig fortbilden und Entscheidungen treffen. Ebenso kann die Formulierung darauf hindeuten, dass in dem Unternehmen eine hohe Fluktuation herrscht und Ihre Position ein „Schleudersitz“ ist.
 

Sollte man sich auf Stellen bewerben, ohne die Anforderungen zu erfüllen?

Ja und Nein. Passen das Job-Profil wie auch die (verschlüsselten) Wünsche des Unternehmens gar nicht zu Ihnen, sollten Sie keine Bewerbung absenden. Das ist mit allergrößter Wahrscheinlichkeit reine Zeitverschwendung und hat eine Absage zur Folge. Und Absagen sind nicht gut für Ihre Motivation.

Doch lassen Sie sich von manchen Formulierungen und Angaben in den Stellenanzeigen nicht verschrecken! Oft reicht es aus, wenn Sie im Durchschnitt nur 70 bis 80 Prozent der Muss- und Kann-Anforderungen erfüllen, um zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden. 

Interessant: Wie Erhebungen herausgefunden haben, sind Frauen oft deutlich selbstkritischer als Männer. Während viele Männer eine Bewerbung abschicken, wenn sie nur ein paar der Kriterien erfüllen, sind weibliche Interessierte deutlich zurückhaltender - sie möchten die gestellten Anforderungen möglichst vollständig abdecken.
 

Fazit: Ihre Bewerbung muss nicht zu 100 Prozent das Anforderungsprofil erfüllen

Unternehmen suchen zwar die perfekten Bewerber, doch die gibt es in der Realität nur selten. Dementsprechend laden Personalverantwortliche auch Kandidaten ein, die nicht alle Punkte zur vollsten Zufriedenheit abdecken. Lassen Sie sich also nicht von den Formulierungen einschüchtern! Und lernen Sie es, Stellenanzeigen zu lesen und auszuwerten.

Trotzdem dürfen Sie sich nicht zu selbstsicher und naiv auf Jobsuche begeben. Haben Sie gewisse Defizite, so seien Sie sich dieser bewusst. Heben Sie dann andere Skills bei Ihrem Lebenslauf hervor und verbessern Sie unterstützend Ihre E-Reputation.

Zudem kann es nicht schaden, wenn Sie Mitarbeiter des Unternehmens kontaktieren, bei dem Sie sich bewerben möchten. Fragen Sie diese zum Beispiel, welche Qualifikationen wirklich wichtig sind und welche Aspekte Sie vernachlässigen können. 

Viel Erfolg bei der Jobsuche!

Bilder: Adobe Stock